Am Donnerstag, 24.10., ist der Festsaal des Mörike bis auf den letzten Platz gefüllt. Jeder Lehrer wäre neidisch, aber wenn Gerhard Maschkowski von seinem Leben berichtet, hören 200 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und der Klassen 10 des Gymnasiums und der Realschule des Evangelischen Mörike 90 Minuten still zu. Tief beeindruckt, bewegt und schockiert lauschen sie dem, was der 94-jährige Gast an diesem Morgen von den Gräueltaten der Nazis zu berichten weiß, die er, zionistischer Jude, am eigenen Leib erfahren hat: schon bei der Machtergreifung Hitlers 1933 hatte Maschkowski ein ungutes Gefühl, es folgten Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte, die Verbannung von Juden aus öffentlichen Berufen und schließlich die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die Reichspogromnacht, in deren Zuge 200 Synagogen zerstört und tausende jüdische Geschäfte geplündert wurden.

Maschkowski betont mehrmals, dass er das alles berichte, nicht erzähle, denn es handele sich nicht um irgendeine Geschichte, sondern um das, was wirklich geschehen ist und sein Leben, das eigentlich mit einer glücklichen Kindheit in Deutschland begonnen hatte, ungewollt zur Hölle gemacht hatte.

Erschrocken hören alle weiter zu, wie das Gräuel seinen Lauf nimmt, und Maschkowski mitten drin war. Auf die Reichspogromnacht folgte sein Ausschluss von der Schule, mit inzwischen 13, aus der er regelrecht „rausgeprügelt“ wurde. Und dann die Deportation ins KZ nach Auschwitz, mit 100 anderen war er stundenlang zusammengepfercht in einem dunklen Viehwagen unterwegs, zum Austreten nur ein Eimer in der Mitte. Und von allen wusste keiner so recht, was mit ihnen passierte, man hatte ihnen lediglich gesagt, sie gehen zum Arbeiten in den Osten. Angesichts der Arbeitslager, die er zuvor schon erlebt hatte, zunächst nichts Außergewöhnliches.

Doch was folgte ließ ihn dann doch erahnen, dass das nun einen ganz anderen Hintergrund hatte: angekommen im Konzentrationslager trennte man die jungen und fitten Gefangenen, die arbeiten sollten, von den Frauen, den Kindern und den Schwachen (die, wie er später erfuhr, alle in der Gaskammer getötet wurden). Spätestens ab dem Augenblick, als man ihm und seinen Freunden die Köpfe schor („die erste Katastrophe“ nennt er diesen Moment des Identitätsverlusts) und ihnen eine Nummer auf den Arm tätowierte, waren sie zu wertlosen Geschöpfen geworden für die SS und die Lageraufseher, Schwerverbrecher die von der SS die Erlaubnis bekommen hatten, mit den Deportierten zu machen, was sie wollten.

So wie die eintätowierte Nummer auf dem Arm auch heute noch für alle im Festsaal auf dem Arm von Gerhard Maschowski sichtbar ist, so klar wird allen Zuhörern, wie andauernd, tiefgreifend und verletzend diese Erlebnisse für einen Menschen und für alle Betroffenen der Vernichtungslager sein müssen. Umso beeindruckender ist, dass Maschkowski vor den Schülerinnen und Schülern nicht voll Hass spricht. Natürlich hatte er im Lager tiefe Verachtung für die SS, die täglich vor dem Abendessen Lagerinsassen, die sich in irgendeiner Art und Weise nicht angemessen verhalten hatten, vor den Augen der restlichen Insassen aufhängen ließen. Selbstverständlich hatte er nach Kriegsende einen Hass gegen all diejenigen in Deutschland, die behaupteten, sie hätten keine Ahnung von dem, was in Auschwitz, in Birkenau und den zahlreichen Vernichtungs- und Konzentrationslagern geschehen war.

Den Schülerinnen und Schülern jedoch gibt er etwas anderes mit, so wie allen, denen er seit 1969 berichtet. Es ist Berichten gegen das Vergessen, möglichst viele sollen aus erster Hand erfahren, was passiert ist, das hatten er und seine zwei Freunde sich auf dem Todesmarsch beim Verlassen von Auschwitz versprochen. Er ist nun der letzte Überlebende, der dieses Versprechen jedes Jahr, wenn er zur Kur nach Deutschland kommt, einhält. „Wenn ihr jemanden nicht gern habt, dann müsst ihr ihn nicht lieben“, sagt er ins Mikrofon, „aber hassen sollt ihr ihn auch nicht, denn Hass ist eine Sünde.“ Das beeindruckt, doch Maschkowski vermittelt authentisch, dass er wieder an die vor ihm sitzende junge Generation glaubt, und Geschichte für ihn da ist, um zu berichten und auch von den grausamen Momenten nicht Halt zu machen, um daraus zu lernen, damit sich Ereignisse wie damals, 1933-45, nicht wiederholen.

Wie er überlebt hatte? Vielleicht hatte er Glück gehabt, wie als er in Auschwitz relativ bald einen „Bürojob“ beim Elektriker-Kommando bekam und bei einem Büroleiter im Kraftwerk arbeiten konnte, der ihm sogar von dessen Vesper abgab: „Jedoch durfte kein Krümel übrig bleiben, darauf achtete er ganz genau, denn wenn die SS das mitbekommen hätte, wären er und ich dran gewesen.“ Später ergatterten er und seine Freunde den Job, das Essen von der Suppenküche in die Baracke zu transportieren. Auf dem Weg waren keine Reste vor ihnen sicher, und so hatten sie vielleicht immer etwas mehr im Magen und das Plus an Kraft das half, um die Hölle des KZ zu überleben. Aber ganz sicher war es auch ein unbeschreiblicher Lebenswille, der ihn durch die Strapazen brachte: mehr als einmal hören wir von ihm im Festsaal den Satz: „aber ich wollte doch leben“, und dieser Wille hatte ihn mehr als einmal vor dem Tod gerettet.

Unter anderem auf dem Todesmarsch, der auf den 17. Januar 1945 folgte: die SS schleppte ihre Gefangenen „zurück ins Reich“, 3000 marschierten los, nur 80 überlebten den eiskalten Winter, ohne Wasser, ohne Essen. Auch Maschkowski war dem Tode nahe, abgemagert war er und erfroren („erfrieren ist toll, man vergisst alles, ist so relaxed“). Er wog nur noch 35 Kilo, aber neben seiner unglaublichen Lebenskraft waren es seine Freunde, die ihn trugen und ihm „einen Arschtritt“ gaben und sagten, er solle gefälligst weiter gehen, sie hätten doch ein Versprechen einzulösen.

Am Ende schafften sie es, in Breslau wurde er im Krankenhaus langsam aufgepeppelt, fand sogar seine Eltern wieder, und mit seiner Frau, die er im Displaced-Persons-Lager in Deggendorf kennen lernte, wanderte er 1947 in die USA aus und begann ein neues Leben.

Maschkowski lebt inzwischen in Kaliforniern als Rentner, seine Freunde sind alle nicht mehr am Leben, auch seine Frau nicht, doch er wird nicht müde zu berichten. Auch die vielen Fragen der Schülerinnen und Schüler, die sich nach Ende des Gesprächs in einer Traube um ihn versammeln, wird er nicht müde, geduldig zu beantworten, „und in zwei Jahren, wenn ich da noch lebe, komme ich auch gerne wieder“, verspricht er am Ende, beeindruckt von dem anhaltenden Applaus der bewegten, aber auch dankbaren Schülerschaft für die ehrlichen und authentischen Worte eines der letzten Zeitzeugen eines nie zu vergessenden Kapitels deutscher Geschichte. Im Mörike ist er stets willkommen.

Herzlichen Dank an die Kollegin Jascha Khoushab, die den Kontakt mit Gerhard Maschkowski hergestellt, die Veranstaltung organisiert und ihn an diesem Tag betreut und begleitet hat.

Text: D. Steiner

Bilder: M. Schneider, D. Steiner/G. Maschkowski